Als Rover waren wir auf Kanu-Hajk in Frankreich. Nach einer erlebnisreichen Zeit mit vielen kleinen und großen Abenteuern in wilder, oft menschenleerer Natur wollten wir uns zum Abschluss etwas gönnen. Wir hatten ein wenig Lagerbudget aufgespart, um am letzten Abend in einer kleinen Stadt gemeinsam französisch essen zu gehen.
Das Essen stand auf dem Tisch und roch fantastisch. Bevor wir mit dem Festmahl begangen, wollten wir noch einmal anstoßen und mussten feststellen: Es fehlten Weingläser. Also schnell den Kellner gerufen und mit holprigem Französisch den Wunsch – naja – mehr gestottert als gesprochen; “Nous … avons … glasses … pour le vin, s’il vous plaît !”.
Ein Stirnrunzeln, ein Lächeln, ein verstecktes Kopfschütteln und der Kellner zog von Dannen. Drei Minuten später war klar: Wir hätten besser nicht auf Französisch bestellen sollen.
Der Kellner stellte eine Schüssel Eis auf den Tisch, die anderen Gäste im Restaurant drehten sich um, um mitzubekommen, was die Deutschen jetzt aus dem Eis und Wein machen wollen, lachten herzlich und wurden wir leicht verlegen. “Glasses” sind natürlich keine Gläser, sondern – korrekt geschrieben “glace” – Eis. Wir hätte um “Verre” bitten müssen.
Was hat all das mit künstlicher Intelligenz zu tun? Die digitale Welt und ganz besonders KI gestützte Tools bieten ganz neue Möglichkeiten für das Pfadfinden im Ausland oder das Internationale Pfadfinden. Werfen wir einen Blick auf die Möglichkeiten.
Vorbereitung des Lagers oder Haiks im Ausland mit Hilfe von KI
Übersetzer bei der Recherche: Die Planung eines Auslandslagers beginnt Monate vor der Abreise mit der Suche nach Zeltplätzen und lokalen Ansprechpartner*innen. Wo herkömmliche Suchmaschinen an Sprachbarrieren scheitern, übersetzen KI-Tools ausländische Websites nicht nur Wort für Wort, sondern erfassen den Kontext. Anfragen an französische Behörden oder schwedische Forstämter lassen sich so präziser formulieren, dass Missverständnisse hoffentlich gar nicht erst entstehen.
Sprache lernen: Statt sturem Vokabelpauken ermöglichen KI-gestützte Apps personalisierte Dialoge. Ihr könnt Alltagssituationen, wie den Ticketkauf am Bahnhof oder das Erfragen von Wegbeschreibungen im Chat simulieren. Die KI korrigiert Grammatikfehler direkt im Gesprächsverlauf und bereitet euch realitätsnah auf die Kommunikation vor Ort vor.
Auseinandersetzung mit der Kultur: Jedes Land hat ungeschriebene Gesetze, die in keinem Reiseführer stehen. KI hilft euch dabei, länderspezifische Bräuche, Verhaltensregeln oder lokale Feiertage im Vorfeld zu analysieren. Das Wissen um regionale Besonderheiten im Gastland verhindert hoffentlich dann Fettnäpfchen wie das zu Beginn beschriebene. Aber denkt daran: Die KI sagt nicht immer die Wahrheit.
Packliste optimieren: Auch hier kann die KI helfen. Versucht doch einfach einmal diesen Prompt im KI-Tool eurer Wahl:
Du bist ausgewiesener Outdoor-Experte und unterstützt uns bei den Vorbereitungen zu unserem Wanderlager im <Monat> in <Ort>. Wir sind mit insgesamt <Anzahl> Personen unterwegs und planen ein Lager über <Anzahl> Tage. <Anzahl> Tage wollen wir in der absoluten Wildnis verbringen. Bitte erstelle uns eine persönliche Packliste für alle Teilnehmer*innen und eine Packliste für die von der Gruppe benötigten Dinge und Nahrungsmittel. Wir haben alle jeweils nur einen Rucksack und wollen mit möglichst leichtem Gepäck reisen.
KI-Unterstützung im Lager
Echtzeit-Übersetzungen: Wenn auf dem Haik ein medizinisches Problem auftritt oder der Zeltplatzbetreiber wichtige Sicherheitsanweisungen gibt, ist keine Zeit für Wörterbücher. Moderne Übersetzungs-Apps sprechen und verstehen in Echtzeit. Das Smartphone fungiert als Dolmetscher am Lagerplatz, der gesprochene Sätze direkt übersetzt und wiedergibt. Viele Tools könnt ihr auch offline nutzen. Wie zum Beispiel: https://www.allesprachen.at/blog/offline-uebersetzer/
Google Lens & Co.: Ein Blick auf die Speisekarte im Supermarkt oder das Hinweisschild am Wegrand wirft oft Fragen auf. Mit visuellen KI-Tools reicht ein Foto aus, um fremde Schriftzeichen oder Fachbegriffe sofort im Live-Bild zu übersetzen. Auch die Identifikation von lokalen Pflanzen und Tieren beim Naturkundespiel gelingt über die Kamerafunktion sekundenschnell. Hier eine datenschutzkonforme Alternative: https://www.justscantext.com/de/
Speisepläne: Die Kalkulation für eine Großgruppe im Ausland ist durch andere Packungsgrößen und unbekannte Zutaten oft kompliziert. KI-gestützte Tabellen berechnen basierend auf der Teilnehmendenzahl die genauen Mengen für typische Lagergerichte. Gleichzeitig lassen sich Budgetvorgaben in die Landeswährung umrechnen und Allergien oder vegetarische Alternativen automatisch berücksichtigen. Das Nachrechnen und Mitdenken liegt aber weiter in eurer Verantwortung!
Routenoptimierung: Bei der Planung des Haiks fließen topografische Daten, Wetterberichte und Erfahrungsberichte in Kartendienste wie Komoot, die alle mittlerweile KI gestützte Funktionen integriert haben. Das System berechnet dann nicht nur die kürzeste Strecke, sondern warnt vor extremen Steigungen oder unwegsamen Abschnitten. So lässt sich die Tagesetappe exakt an die Kondition der jeweiligen Altersstufe anpassen.
KI-Unterstützung im Gruppenstunden-Alltag
Spiele mit Sprachen und Kulturen: In der Gruppenstunde lässt sich KI spielerisch einsetzen, um Berührungspunkte mit dem Gastland zu schaffen. Die Gruppe kann im Chat gegen eine KI antreten, die die Rolle eines ausländischen Pfadfinders übernimmt. Ziel ist es, durch geschickte Fragen herauszufinden, aus welchem Land das digitale Gegenüber stammt und welche Traditionen dort gepflegt werden. Spiele-Prompt für die KI: Du nimmst ab sofort die Rolle eines jugendlichen Pfadfinders oder einer jugendlichen Pfadfinderin ein. Du bist zwischen 14 und 16 Jahre alt und antwortest in einer lockeren, freundlichen und altersgerechten Sprache. Deine Aufgabe ist es, mit einer Pfadfindergruppe ein Ratespiel zu spielen. Die Gruppe muss durch Fragen herausfinden, aus welchem Land du kommst Folgende Regeln gelten für dich: Verrate niemals direkt dein Herkunftsland, deine Muttersprache oder den Namen deiner Pfadfinderorganisation, es sei denn, die Gruppe hat das Land korrekt erraten. Antworte immer auf Deutsch, baue aber ab und zu typische Redewendungen, Begrüßungen oder lautmalerische Ausdrücke deiner Muttersprache ein. Wenn die Gruppe dich nach typischen Traditionen, Bräuchen, eurer Pfadfinderkluft (z. B. Farbe des Halstuchs), dem Essen oder der Geografie deines Landes fragt, antworte wahrheitsgemäß, aber umschreibe es so, dass es ein Rätsel bleibt (z. B. statt „Ich wohne in Paris“ sagst du „In meiner Hauptstadt steht ein sehr berühmter Eisenturm“).Halte deine Antworten kurz und knackig (maximal 3–4 Sätze), damit die Gruppenstunde dynamisch bleibt Dein geheimes Herkunftsland für diese Runde: Schweden (Pfadfinderorganisation: Scouterna, typische Traditionen: Midsommar, Fika, Halstuchfarben variieren oft je nach Gruppe, oft blau-gelb bei internationalen Lagern). Starte das Spiel jetzt, indem du die Gruppe kurz im Chat begrüßt (gerne mit einem landestypischen Gruß), dich vorstellst und sie einlädst, die erste Frage zu stellen. Wähle für jede neue Runde ein anderes Land möglichst aus einem anderen Kontinent.
Reflexion über KI: Der Umgang mit neuen Technologien erfordert eine kritische Einordnung im Sinne der pfadfinderischen Werte. Alle vorausgehenden Tipps sollen keineswegs den persönlichen Kontakt und Austausch ersetzen, sondern nur erleichtern und ergänzen. Um so wichtiger ist eine kritische Auseinandersetzung in der Gruppenstunde oder Leiterrunde. Wo hat KI geholfen, wo waren ihre Grenzen? Wo war der Einsatz vielleicht sogar kritisch oder gefährlich?
KI-Check (Faktencheck): Um die Medienkompetenz zu stärken, prüft gemeinsam mit der Gruppe die von der KI generierte Packliste oder Lagerordnung auf Fehler. Schnell wird klar: Künstliche Intelligenz halluziniert schnell Fakten. Das gemeinsame Aufdecken von Fehlern schult den kritischen Blick und zeigt, dass digitale Werkzeuge den gesunden Menschenverstand niemals ersetzen.
Ethik-Diskussion: Zum Abschluss bietet die Beschäftigung mit KI Raum für Grundsatzfragen. Der Fokus liegt hierbei auf sozialer Gerechtigkeit und globalen Auswirkungen: Wer profitiert von diesen Technologien, und welche Ressourcen verbraucht die Rechenleistung im Hintergrund? Diese Reflexion verbindet den technologischen Fortschritt mit dem Auftrag, die Welt ein Stück besser zu hinterlassen.
Jetzt seid ihr dran: Wo habt ihr KI schon einmal im internationalen Kontext genutzt? Und welches KI-Tool müsste für den Pfadi-Alltag unbedingt noch erfunden werden?
Über den*die Autor*in
Digge Schmedding
Digge war schon vieles. Jetzt ist er Mitglied im BSG e.V., dem Rechtsträger der Bundesebene. Nebenbei schreibt er für die VZ und ist Teil des Notfallmanagement Teams.
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