In unserem Pfadfinder*innenstamm St. Liutger in Münster gibt es kein „Das haben wir schon immer so gemacht!“.
Als wir uns für das Stammesquartett gemeldet haben und überlegten, was die Superkraft unseres Stammes sein soll, kamen wir nach einiger Zeit auf eben diesen Satz. Zunächst hatten wir Schwierigkeiten uns einig zu werden, was wir jetzt können, was vielleicht nicht alle anderen Stämme auch können, doch mit diesem Satz gingen alle mit.
Den Anspruch sich von alten Mustern lösen zu wollen, neue Dinge auszuprobieren verfolgen bestimmt mehrere Stämme. Wir hingegen können gar nicht anders. Die Zusammensetzung unserer Leiter*innenrunde erfordert ein ständiges Neu- und Überdenken unserer Strukturen.
Wie kann das sein? Nun ja… das Ding ist, nur zwei Leitende in unserem Stamm sind tatsächlich in diesem Stamm großgeworden. Einer der beiden hat sogar erst als Rover angefangen. Alle weiteren Leiter*innen sind fürs Studium zugezogen und wollten ihrem Ehrenamt auch in ihrer Studi-Stadt Münster nachgehen. Unsere aktiven Leiter*innen kommen somit aus verschiedensten Stämmen aus Duisburg, Hannover, Meerbusch, Senden, Sonsbeck, Willich und aus Münster halt auch.

Wir haben Pfadfinden alle unterschiedlich kennengelernt, mit unterschiedlichen Regeln, teilweise unterschiedlichen Begrifflichkeiten. Das führte vor allem zu Beginn dazu, dass es viele Missverständnisse in der Kommunikation gab und, dass es oft viel Anstrengung erforderte vermeintlich einfache Aktionen wie beispielsweise eine Stufung zu organisieren. Oder Stufenwechsel, Stufensprung?! Mensch, wie nennen wir das denn überhaupt? Kinder und Jugendliche kommen von der einen in die nächste Stufe. „Und dann gibt’s n Tuch?“ „‘n Aufnäher?“ „Beides?“ „Gar nichts?“ „Gibt’s ne Übernachtung?“ „Gibt’s ne Mutprobe?“ „Nein! Ganz schlechte Idee! Sowas macht ihr bei euch?!“ „Sind die Eltern mit eingeladen?“ „Bitte keine Eltern…“ „Wieso nicht? Das hat bei uns immer gut funktioniert.“
Und damit sind wir eigentlich schon mittendrin in unserem Patchwork-Chaos.
Leider, will – davon können auch wir uns nicht ganz befreien – niemand die eigenen Gewohnheiten so schnell über Bord werfen. Error! Das kann nicht funktionieren. Irgendwer muss nachgeben. Und so müssen wir eben all diese Dinge, über die wir uns vorher nicht immer Gedanken gemacht haben, ausdiskutieren. Grundsatzdiskussionen ohne Ende. Dabei wollten wir doch nur ein bisschen weiter Pfadfinden und den nächsten Stamm in der Stadt unterstützen. Und dann müssen wir uns darüber einigen, ob wir nun Juffis oder Jupfis haben. Vielleicht am Ende auch egal. Hilfe! So haben wir uns das alle nicht vorgestellt.
Wir sind damit dann irgendwann so umgegangen, dass wir zusätzlich zur Leiter*innenrunde in welcher aktuelle Themen besprochen wurden sogenannte „Struktur-Leitungsrunden“ eingeführt haben. In jeder einzelnen haben wir uns jeweils ein anderes Thema vorgeknüpft. Jede Person hatte nun die Möglichkeit einmal zu erzählen, wie sie beispielsweise die Essenssituationen im Lager kennengelernt hat. Gibt es Tischregeln, wenn ja welche und wieso? Dabei wurde uns nicht selten bewusst, welch komischen Regeln es in jedem unserer Heimatstämme oft gab und oft nach wie vor gibt. Bisschen wie, wenn man zusammen mit Leiter*innen anderer Stämme an einer Präventionsschulung teilnimmt: „Hä, was denn?! Das ist halt so, damit sind bei uns auch alle fine.“ „WTF, lasst das mal bitte! Das geht gar nicht! Mega weird auch.“
Ja uns wurden bestimmt schon einige blinde Flecken bewusst.
Zusätzlich schauten wir, wenn es sich anbot auch einfach mal in die DPSG-Satzung. Bei Fragen wie „Wann wird eigentlich das Halstuch verliehen?“ könnte doch bestimmt was dazu drinstehen. Ja und sonst haben wir uns eben aus all unseren Heimatstämmen die Rosinen gepickt. Sagen wir…
So ist das bei uns. Ganz schön anstrengend auf ne Art. Doch die Anstrengung bedeutet auf der anderen Seite, dass wir auch sehr viele veralteten, aber doch hartnäckigen Strukturen hinter uns lassen konnten und somit zu einem sehr progressiven Stamm werden konnten.
Was verstehen wir darunter?
Mit unserer Leitungsrunde treffen wir uns alle zwei Wochen. Jede zweite Leitungsrunde findet als sogenannte „Co-Working-Leitungsrunde“ statt. In einer solchen Runde arbeiten wir parallel oder in unseren AK’s an unterschiedlichsten Aufgaben: Zeltlager planen, Dokumente erstellen, Mails schreiben, Material aufräumen, Holzunterstand streichen, Aktionen vorbereiten, … All das, was eben gerade so ansteht und in der Freizeit eh nicht erledigt werden würde. Die „Struktur-Leitungsrunden“ konnten wir mittlerweile weitestgehend hinter uns lassen.
Als Leitungsrunde sind wir viel im politischen Austausch und waren schon häufiger auf verschiedenen Demos für Klimaschutz, Vielfalt, und den Demokratieerhalt. Vor allem aber haben wir einen queerfeministischen Anspruch an unsere Arbeit. Nicht zuletzt, weil unsere Leitungsrunde sehr queer ist und wir leider wissen, dass dies keine Selbstverständlichkeit ist. Weder in unserer Gesellschaft, noch in der DPSG. Auch unsere Gruppenkinder werden neben Daten wie dem Geburtstag von Olave und Robert Baden-Powell, gerne auf den 8. März oder der 25. November aufmerksam gemacht.
Ach und nicht zu vergessen: Wir konnten die Freund*innenschaften- als auch stammesfriedenbeendene Grundsatzdiskussion, ob „Ich beschütze alle Tiere und meine Umwelt, bei meiner Ehre (!)“ nun auch den strukturellen Fleischkonsum im Verband meint, hinter uns lassen. Wir gestalten daher alle unsere Aktionen und Lager vegan/vegetarisch und verzichten auf eine omnivore Ernährung. Damit wollen wir unseren Gruppenkindern als gutes Vorbild voran gehen und die Welt ein bisschen besser hinterlassen als wir sie vorgefunden haben. Ihr kennt das Spiel. Und das Beste: Dabei ist sich die Leitungsrunde so einig wie bei sonst keinem Thema.
Hach wie schön.
Bilder: DPSG Stamm St. Liutger Münster