Hinweis: Sensibler Inhalt
In diesem Artikel geht es um Folgen sexualisierter Gewalt an Kindern- und Jugendlichen. Dieses Thema kann für viele Menschen emotional belastend sein.
Bitte achte gut auf dich beim Lesen. Wenn du merkst, dass dich das Thema überfordert oder emotional berührt, nimm dir eine Pause oder sprich mit einer vertrauten Person. Es ist völlig in Ordnung, nicht alles lesen zu wollen oder zu können. Bei Bedarf gibt es professionelle Beratungsstellen, die Unterstützung bieten. Du bist nicht allein.
Viele Kinder und Jugendliche sind im Laufe ihres Lebens mindestens einmal von sexualisierter Gewalt betroffen. In der polizeilichen Kriminalstatistik sind 18.497 betroffene Kinder[1] und 1.277 betroffene Jugendliche für das Jahr 2023 erfasst.[2] Während Kinder sexualisierte Gewalt hauptsächlich durch Personen aus ihrem nahen oder familiären Umfeld erleben, sind Jugendliche vor allem von sexualisierter Gewalt innerhalb ihrer Peergroup, also von Gleichaltrigen, betroffen.
Ob sich Kinder und Jugendliche jemandem anvertrauen, hängt von unterschiedlichen Faktoren ab. Dazu gehören unter anderem das Verhältnis zur Tatperson, die Häufigkeit der Übergriffe und das soziale Umfeld. Ebenso spielt die Art der Gewalt eine Rolle. So berichten Betroffene beispielsweise seltener über sexualisierte oder psychische Gewalt als über physische Gewalterfahrungen. Insbesondere dass die Täter*innen aus dem Umfeld der Betroffenen stammen und sie meistens bereits vorher eine soziale Beziehung zu diesen haben, macht es ihnen schwer über das Erlebte zu sprechen.
Dies ist jedoch sehr wichtig, um Unterstützung zu bekommen – sowohl emotional als auch professionell. Ebenso sind gelingende Prävention und Intervention nur möglich, wenn Gewalt auch aufgedeckt wird. Daher ist es besonders wichtig, dass Strukturen geschaffen werden, die es den Betroffenen ermöglichen sich jemandem anzuvertrauen.
Der englische Begriff disclosure kann mit Offenlegung übersetzt werden und bezeichnet interaktive Prozesse zwischen Betroffenen, ihren Vertrauenspersonen und dem gesellschaftlichen Diskurs über Gewalt. Diese können dazu führen, dass sich Betroffene öffnen bzw. über erlebte Gewalt sprechen. Dabei ist die Entscheidung sich jemandem anzuvertrauen abhängig von unterschiedlichen Faktoren und wird sehr genau abgewägt.
Wenn es tatsächlich zum disclosure kommt, wenden sich Betroffene meistens an eine persönliche Vertrauensperson statt an professionelle Beratungs- oder Hilfestellen. Für Kinder und Jugendliche sind in erster Linie ihre Freund*innen die wichtigsten Ansprechpersonen. Von ihnen erhoffen sie sich Empathie und emotionale Unterstützung. Außerdem berichten Kinder und Jugendliche eher von Gewalt, wenn sie davon ausgehen, dass ihnen geglaubt wird und sie unterstützt werden. Es ist also sehr wichtig eine klare Haltung gegen Gewalt einzunehmen, diese nach außen hin zu vertreten und Kindern und Jugendlichen zu vermitteln, dass sie ernst genommen werden. Zudem ist disclosure entscheidend, um bestehende Gewalt zu beenden und bei Bedarf Hilfe und Unterstützung einleiten zu können. Weiter kann das Sprechen über Gewalt die Risiken für Folgeerkrankungen senken.
Das Disclosure-Verhalten wird von unterschiedlichen Faktoren beeinflusst. Um über Gewalt sprechen zu können, müssen die Betroffenen zunächst in der Lage sein, das Geschehene zu verstehen und einzuordnen. Ein fehlendes Unrechtsbewusstsein, fehlendes Wissen über sexualisierte Gewalt und deren Strafbarkeit oder die Tabuisierung von Sexualität können dazu führen, dass Betroffene nicht in der Lage sind, sich jemandem anzuvertrauen.
Doch auch wenn Kinder und Jugendliche wissen, dass etwas nicht stimmt, kann eine Einordnung des Geschehenen schwierig sein, denn Täter*innen deuten ihre Taten häufig um und stellen diese als einvernehmlich oder von den Betroffenen provoziert dar. Auch wenn Übergriffe – verbal oder körperlich – vor anderen Personen verübt werden, aber niemand einschreitet, kann dies dazu führen, dass Gewalt normalisiert und nicht mehr als eben diese gesehen wird. Ein weiterer Grund zu schweigen ist das Verdrängen der Tat(en). Dies ist eine häufige Form des Umgangs mit erlebter Gewalt, mit der sich Betroffene schützen. Verdrängung führt, ebenso wie fehlendes Einordnungsvermögen dazu, dass nicht über die Tat(en) berichtet werden kann. Schließlich ist es nur möglich Übergriffe zu benennen, wenn sich die Betroffenen daran erinnern. Außerdem fällt es Betroffenen schwerer, über erlebte Gewalt zu sprechen, wenn sie sich wenig oder gar nicht gegen den Übergriff gewehrt haben.[3]
Auch das Verhältnis zur Tatperson kann eine Hürde darstellen, wenn sich Betroffene jemandem anvertrauen wollen. Stammt diese aus ihrem sozialen Umfeld, öffnen sie seltener als bei einem*r unbekannten Täter*in. Zudem haben sie häufig ein ambivalentes Verhältnis zur Tatperson, denn trotz der ausgeübten Gewalt, kann der*die Täter*in besonders für Kinder auch weiterhin eine Vertrauensperson darstellen.[4]
Hinzu kommt die Angst, dass ihre sozialen Bindungen sich verändern oder auflösen, wenn sie von einer Person aus ihrem Umkreis als Täter*in berichten. Mit der Entscheidung zu schweigen, können sie diese aufrechterhalten. Aus der Perspektive der Betroffenen scheint es deshalb manchmal besser, sich nicht anzuvertrauen, um ihr soziales System und damit einhergehenden Bindungen beizubehalten, auch wenn sie dort Gewalt erleben.
Ein weiterer Grund sich niemandem anzuvertrauen ist der eigene, wie auch der Schutz von anderen. Durch Schweigen schützen sich Betroffene vor zusätzlicher emotionaler Belastung und Stigmatisierung. Außerdem befürchten manche wegen Drohungen des*der Täter*in oder der erlebten Gewalt, dass sie andere in Gefahr bringen, wenn sie mit ihnen darüber sprechen.
Da es für Betroffene sehr schwer sein kann sich jemandem anzuvertrauen, müssen Strukturen geschaffen werden, die sie dabei unterstützen. Generell zeigt sich, dass ein Gruppenklima, in dem sich Kinder und Jugendliche wohlfühlen, so wie ein offener Umgang mit Sexualität, die Hürden für disclosure senken können.
Außerdem ist es für Betroffene wichtig zu wissen, was passiert, wenn sie von Gewalt erzählen. Dazu gehört zum einen Verständnis darüber, wie professionelle Hilfsangebote funktionieren und zum anderen welche Konsequenzen eine Offenbarung haben kann und welche Prozesse anschließend in Gang gesetzt werden. Auch eine offen kommunizierte klare Haltung gegen sexualisierte Gewalt unterstützt disclosure.
Wenn sich Betroffene jemandem anvertrauen, ist es entscheidend, wie die Vertrauenspersonen reagieren. Das Berichtete sollte nicht angezweifelt und emotionale Unterstützung und Hilfe angeboten werden. Nicht hilfreich ist es, wenn die Vertrauensperson schockiert reagiert, den Betroffenen nicht glaubt oder den Vorfall bagatellisiert. Solche Reaktionen können dazu führen, dass Kinder und Jugendliche ihre Aussagen zurücknehmen und weitere Übergriffe für sich behalten. Oft wird angenommen, dass Kindern und Jugendlichen geholfen wird, insbesondere wenn sie sich Erwachsenen anvertrauen. Das ist jedoch nicht immer der Fall. Wenn Betroffene von Gewalterfahrungen erzählen, werden sie insbesondere von Erwachsenen häufig nicht ernst genommen. Demnach kann disclosure auch negative Folgen haben, weshalb sie sehr genau abwägen, ob und wem sie sich anvertrauen. Trotz dieser Abwägungen verläuft das sich anvertrauen nicht immer in ihrem Sinne und es kann zu anschließenden Stigmatisierungen oder Entscheidungen kommen, die getroffen werden, ohne sie miteinzubeziehen.
Natürlich kann es zunächst erschreckend und belastend sein, wenn von sexualisierter Gewalt berichtet wird und auch die Grenzen der Vertrauenspersonen müssen gewahrt werden. Dennoch ist es wichtig, empathisch zu reagieren, zuzuhören und Kindern und Jugendlichen zu glauben. Denn wenn sich Kinder und Jugendliche anvertrauen, ist das bereits ein großer Schritt und ihr habt schon viel richtig gemacht.
Bundeskriminalamt (2024). Sexualdelikte zum Nachteil von Kindern und Jugendlichen, Bundeslagebild 2023. Wiesbaden. https://www.bka.de/DE/AktuelleInformationen/StatistikenLagebilder/Lagebilder/SexualdeliktezNvKindernuJugendlichen/2 023/BLBSexualdelikte_2023_node.html .
Derr, R.; Hartl, J.; Mosser, P.; Eppinger, S. & Kindler, H. (2017): Kultur des Hinhörens. Sprechen über sexuelle Gewalt, Organisationsklima und Prävention in stationären Einrichtungen der Jugendhilfe. Zentrale Ergebnisse. Deutsches Jugendinstitut. München.
Erkens, C.; Scharmanski, S. & Heßling, A. (2021): Sexualisierte Gewalt in der Erfahrung Jugendlicher: Ergebnisse einer repräsentativen Befragung. In: Bundesgesundheitsblatt 64. S. 1382–1390.
Heiliger, A. (2001): Täterstrategien bei sexuellem Missbrauch und Ansätze der Prävention. In: beiträge zur feministischen theorie und praxis. 56/57. S. 71-82.
Kavemann, B. (2016): Warum Mädchen und Jungen nicht einfach erzählen. In: Respekt! Schulen als ideale Orte der Prävention von sexualisierter Gewalt. BMFSFJ / BZgA. S. 28–36.
Krahé, B. (2009): Vergewaltigung: eine sozialpsychologische Analyse. Postprint der Universität Potsdam Humanwissenschaftliche Reihe. 83.
Krahé, B. (2018): Vergewaltigungsmythen & Stigmatisierungen in Justiz, Polizei, Beratung und Therapie. In: Handbuch sexualisierte Gewalt. S. 45-53.
Rau, T.; Ohlert, J.; Fegert, J. M. & Allroggen, M. (2016): Disclosure von Jugendlichen in Jugendhilfeeinrichtungen und Internaten nach sexueller Gewalterfahrung. In: Praxis der Kinderpsychologie und Kinderpsychiatrie. 65/9. S. 638-654.
[1] Kinder sind hier Personen unter 14 Jahren, Jugendliche Personen unter 18 Jahren.
[2] Diese Zahlen beschreiben das Hellfeld, also Taten die von der Polizei erfasst werden. Das Dunkelfeld wird deutlich höher geschätzt.
[3] Im stereotypen Bild eines Übergriffs geht Gewalt von Fremden aus und die Betroffenen wehren sich. Dieses Bild ist Teil der gesellschaftlich weit verbreiteten sog. Vergewaltigungsmythen. Dabei handelt es sich um empirisch nicht belegte Annahmen darüber, wie eine Vergewaltigung aussieht. Sie dienen dazu Täter (laut der Mythen sind es immer Männer) zu entlasten und Betroffenen eine (Mit)Schuld zu geben. Die Statistiken zeigen, dass sexualisierte Gewalt aus dem Nahfeld sehr viel häufiger vorkommt als durch Fremde. Außerdem reagiert der Körper in Extremsituationen häufig, ohne dass wir es kontrollieren können. Es gibt Menschen, die sich wehren, andere erstarren oder machen mit, um zusätzliche Gewalt zu vermeiden. Das Verhalten der Betroffenen während einer Tat hat nichts damit zu tun, ob es sich um Gewalt handelt oder nicht.
[4] Täter*innen verwenden Strategien, sog. Täterstrategien, bei denen sie Beziehungen und Vertrauen zu den Betroffenen und ihrem Umfeld aufbauen. Auf diese Art manipulieren sie die Betroffenen und erschweren es ihnen sich jemandem anzuvertrauen.