Geschlechtergetrennte Stämme in Dülmen

Ein DPSG-Stamm der nur Männer aufnimmt? Hin und wieder gibt es das – so zum Beispiel in Dülmen.

In Dülmen hat schon in den 1970ern eine Entwicklung begonnen, die sich bis heute gehalten hat: Die Stämme DPSG Heilig Kreuz und PSG Heilig Kreuz teilen sich die Dülmener Pfadfinder*innen auf. Was für Menschen aus anderen Stämmen erst einmal ungewöhnlich klingt, scheint in Dülmen gut zu funktionieren. Wir haben beide Stämme gefragt, wie sie mit der Situation umgehen. Hier sind ihre Berichte.

Perspektive der DPSG Heilig Kreuz Dülmen

Alles begann mit der Gründung des PSG Stamms…

1971 wurde in unserer Pfarrei Hl. Kreuz in Dülmen ein Stamm der Pfadfinderinnenschaft St. Georg (PSG) gegründet. Ein Verband, der damals wie heute bis auf wenige Ausnahmen nur Mädchen aufnimmt. Der Zulauf war groß: 1978 zählte der Stamm schon 145 Mitglieder. Kein Wunder – denn kirchliche Jugendarbeit steckte noch in den Kinderschuhen und Mädchen durften damals in der gesamten Weltkirche noch keine Messdienerinnen werden. Für die Jungs dagegen war in der Pfarrgemeinde die Messdienergemeinschaft die einzige Möglichkeit, Jugendarbeit mit Gruppenstunden, Spiel und Spaß zu erleben. Einige Eltern wünschten sich für ihre Kinder eine Alternative, fern vom regelmäßigen „Messe dienen“, mit anderer Methodik: Draußen sein, Abenteuer erleben, Lagerfeuer, Naturverbundenheit. Manche Väter kannten die Pfadfinderei noch aus eigener Erfahrung, denn bereits nach dem zweiten Weltkrieg hatte sich ein erster Pfadfinderstamm in Dülmen gegründet, der aber zwischenzeitlich schon wieder Geschichte war.

Gründung und Entwicklung der DPSG Heilig Kreuz Dülmen

Nun sollte es einen Neustart geben. 1978/79, also genau zur Zeit des Mitglieder-Hochs der Pfadfinderinnen, wurden die Überlegungen konkreter und mit dem damaligen Kaplan traf man sich zu einem Gründungstreffen. Schnell war klar: Dem florierenden Pfadfinderinnenstamm wollte man keine Konkurrenz machen und auch die Pfadfinderinnen befürworteten diese Entscheidung. Und so beschloss man, in den am 15.04.1979 gegründeten Stamm Hl. Kreuz der DPSG nur Jungen aufzunehmen. Auch, wenn die Mitgliederzahl der PSG immer mal schwankte – der Stamm blieb immer aktiv. Und so gab es für die DPSG Stamm Hl. Kreuz keinen Anlass, sich für beide Geschlechter zu öffnen.

Das Konzept entwickelte sich sogar zu einer echten Erfolgsgeschichte. In fast 47 Jahren Stammesleben ist unser DPSG-Stamm immer weiter gewachsen. Er zählt heute fast 300 aktive Mitglieder. Es gibt zwei Biber-Gruppen, vier Wölflings-Gruppen, drei Jungpfadfinder-Gruppen, zwei Pfadfinder-Gruppen und eine Roverrunde. Und eine Warteliste, da wir auch in zwölf Gruppenstunden nicht alle Interessenten unterbringen können.

Vorteile der Geschlechtertrennung

„Unter sich“ zu sein und mit den fast ausschließlich männlichen Leitern (es gibt nur eine weibliche Leiterin in der Wölflingsstufe) auch männliche Bezugspersonen und Vorbilder zu  haben – das scheint angesichts einer Kita- und Schullandschaft mit meist überwiegend weiblichen Bezugspersonen reizvoller denn je zu sein! Und die organisatorischen Vorteile durch eine nicht notwendige Geschlechtertrennung in Lagern und bei Aktionen liegen natürlich auf der Hand. Für den Dülmener Stamm steht fest: Die DPSG Hl. Kreuz Dülmen ist und bleibt „Männersache“!

Perspektive der PSG Heilig Kreuz Dülmen

Das Konzept der Geschlechtertrennung der Pfadfinder*innenstämme funktioniert in unserer Gemeinde Heilig Kreuz sehr gut. Zumal es direkt dazuzusagen gilt, dass es nicht nur die klassischen zwei Geschlechter gibt und wir dies in unserem PSG-Stamm bereits berücksichtigen. Bei uns wird niemand ausgeschlossen, wenn er*sie merkt, dass sie/ihr nicht die richtigen Pronomen für sie sind. Dennoch gibt es im PSG-Verband die Grenze, welche uns eine Aufnahme von Cis-Männer/Jungen nicht ermöglicht. In unserer Gemeinde ist deshalb der DPSG-Stamm die Anlaufstelle für diese.

Ein geschützter Raum für Mädchen und Frauen

Die benannte Geschlechtertrennung der Pfadfinder*innenstämme in unserer Gemeinde hat in der Vergangenheit aber auch positive Effekte erzielt und oftmals zu einer erfolgreichen Entwicklung des Selbstvertrauens der Mitglieder in unserem Stamm geführt. Viele Mädchen und Frauen trauen sich mehr Tätigkeiten zu, die klassisch als männlich gelten, wenn sie unter sich sind, ohne den Eingriff von männlichen Personen.

Stärkung von Selbstvertrauen und Rollenfreiheit

Durch das Aufbrechen der Rollenklischees wird es den Mädchen und Frauen ermöglicht sich selbstständig allen Aufgaben des Pfadfinder*innenlebens zu stellen und neue Erfahrungen im Umgang mit diesen zu sammeln. Zudem ist ein solch geschützter Raum, wie wir ihn in unserem Stamm leben, ein Safe Space für Viele und schafft die Möglichkeit sich vielfältig und uneingeschränkt über diverse Themen zu unterhalten und auszutauschen.

Anlaufstellen für alle Geschlechter und Zusammenarbeit zwischen den Stämmen

Es ist uns aber dennoch ein Anliegen zu betonen, dass wir uns innerhalb des Stammes bereits selbst die schwierige Frage gestellt, ob eine solch extreme Geschlechtertrennung noch zeitgemäß ist, denn natürlich wollen wir niemanden ausschließen. Jedoch bietet dieses Konzept, wie oben erwähnt auch einige Vorteile sowohl für Mädchen und Frauen in unserem Stamm, als auch für die Jungen im Stamm der DPSG. Da sowohl die PSG, als auch die DPSG in unserer Gemeinde Heilig Kreuz vertreten sind, können wir jedem Kind/jeder Person, die Lust auf pfadfinderisches Leben hat, die Möglichkeit geben dieses auszuleben, unabhängig vom Geschlecht. Das finden wir unglaublich wichtig. Zudem möchten wir erwähnen, dass wir auch den internen Austausch und die gute Zusammenarbeit zwischen den Stämmen als eine absolute Bereicherung wahrnehmen und uns in keiner Weise als gegenseitige Konkurrent*innen ansehen.

Ständige Reflexion in der PSG

Der PSG-Verband befasst sich aktuell mit derselben Thematik und diskutiert dieses geschlechterspezifische Konzept. Für viele aktive PSGler*innen erscheint dieses nicht mehr zeitgemäß und spiegele die heutige Gesellschaft nicht vollständig wider. Wir als Pfadfinder*innen wollen uns schließlich auch weiterhin für eine gerechte Welt einsetzen, in der Menschen frei sein können. Wir schauen der Zukunft deshalb positiv entgegen und sind offen für einen konstruktiven Austausch innerhalb des Verbandes.

Bilder: DPSG Hl. Kreuz Dülmen / PSG Hl. Kreuz Dülmen

Über den*die Autor*in

Thilo Kötters (DPSG) / Klara Kock und Luzia Daldrup (PSG)