Über den*die Autor*in
Finnland, das Land der 1000 Seen, wurde für mehr als eine Woche auch zum Land der 17000 Pfadfinder. Vom 20. bis 28. Juli 2016 fand in der Nähe von Evo im Süden Finnlands das siebte Finnjamboree „Roihu“ statt, zu dem außer 14000 Finnen auch rund 3000 internationale Gäste aus 40 Ländern anreisten. Neben Australien, Mexiko und Hongkong war auch Deutschland mit 280 Pfadfindern aus den verschiedenen Verbänden vertreten. Darunter auch Wolfgang Schmitt und ich, Lioba Vienenkötter.
Das Lager startete für die internationalen Gäste in finnischen Gastfamilien. Ich wohnte also vier Tage bei Janica in Kirkonnummi ein paar Kilometer westlich von Helsinki. Sie ging mit mir klettern, wir waren in Helsinki und haben an einem Lagerfeuerabend ihrer Pfadfindergruppe teilgenommen. Und dann ging es auch schon nach Evo.
Die Vielfalt an Nationen bei Roihu zeigte sich vor allem in den bunten Klufthemden aber natürlich auch in den verschiedenen Sprachen. Als wäre das Finnische allein nicht schon interessant genug gewesen: Da sich diese Sprache mit keiner anderen (mitteleuropäischen) vergleichen lässt, konnte der Durchschnittsbesucher selbst nach neun Tagen Zeltlager und größter Bemühungen nicht mehr als hallo „moi“ und danke „kiitos“ verstehen und sprechen. Das machte aber in den meisten Fällen überhaupt nichts, da fast alles im Lager auch auf Englisch lief und selbst wenn es mal keine Untertitel bei den großen Veranstaltungen gab, fand sich doch meistens ein netter Finne, der übersetzen konnte. Auch eine Art der internationalen Freundschaft.
Große Veranstaltungen gab es während „Roihu“ viele: Eröffnungsfeier, Mid-Camp Ceremony, ein dreisprachiger Gottesdienst und Abschlussfeier mit Auftritt der finnischen Sängerin Sanni. Jedes dieser Events beinhaltete viel Musik, denn die Finnen singen viel und oft. So konnte man auch gerne mal eine halbe Stunde darauf warten, gemeinsam zum Essen zu gehen, weil die finnische Gastgruppe noch schnell die gesammelten Werke ABBAs singen wollte.
Auch Hängematten spielen eine große Rolle in der finnischen Pfadfindertradition: Wenn das Wetter es eben zulässt (und das hat es während des gesamten Jamborees), schläft der Finne gerne in seiner Hängematte. Diese luftigen Betten montiert man am liebsten übereinander in guten vier Metern Höhe zwischen den Bäumen. Wenn es noch höher werden soll, spannt man noch ein Kletternetz darunter. Nur gut, dass man in Finnland in jedem Wald zelten darf. Beeren darf man auch überall pflücken. Doch das wichtigste in der finnischen Kultur ist die Sauna. Auch auf dem Lagergelände gab es diverse. Eine davon auf einem der beiden Seen, eine andere hat den größten Ofen Finnlands.
Wenn man sich gerade nicht in seiner Hängematte oder in der Sauna aufgehalten hat, konnte man am vielfältigen Programm teilnehmen, das mit verschiedenen Aktionen und Workshops direkt auf die Altersgruppen zugeschnitten war. Alternativ war ein Bad im sehr kalten und etwas matschigen See oder ein Besuch im Café oder Laden möglich. Mit seiner gut ausgebauten Gastronomie, Infrastruktur und einem eigenen Medienzelt, in dem die Lagerzeitung, das Webteam und das Radio saßen, glich Roihu wohl eher einer kleinen Stadt als einem Pfadfinderlager.
Trotzdem kamen auch typische Pfadfinderaktionen nicht zu kurz: Gemeinsame Spieleabende, gemeinsame Schlachtrufe, von denen die Finnen für jede Gelegenheit mehrere haben und der gemeinsame Bau von Lagerbauten, die gerne auch mit extra Plattformen oder Zugbrücken ausgestattet wurden.
Am Ende des Lagers kannte man in jedem Fall viele neue Pfadfinder aus der ganzen Welt, wusste wie eine finnische Karjalapiirakka (eine Reispastete) schmeckt und hatte mindestens ein Halstuch getauscht (an den großen Tauschbörsen kam man auch kaum vorbei).
Und bei der finnischen Variante von „Nehmt Abschied Brüder“ am Ende der Abschlussfeier sang jeder anwesende Pfadfinder mit, ob er den Text nun verstand oder nicht: „Tää ystävyys ei raukene, vaan kestää ainiaan.“