Kinder sitzen auf Bänken im Grünen im Kreis, einige melde sich per Handzeichen.

Mitbestimmung im Zeltlager am Beispiel der SJD – Die Falken

In den Zeltlagern der Falken organisieren sich die Kinder selbst: Entscheidungsprozesse werden so gestaltet, dass sich alle ernst genommen fühlen.

Bei den Falken hat Mitbestimmung im Zeltlager Tradition. Das wohl sagenumwobenste Zeltlager der Vorgängerorganisation, der Sozialistischen Arbeiter-Jugend (SAJ), fand 1927 statt. Eine 16-mm-Stummfilm-Dokumentation in Schwarz-Weiß konservierte die Organisationsweise des Camps. Mehrere Tausend Kinder und Jugendliche, insbesondere aus dem Ruhrgebiet, wurden nach Seekamp, einer kleinen Stadt in der Nähe von Bremen, gebracht. Das Versprechen: Die Kinder sollten zwei Kilo zunehmen und einige Tage in sauberer Luft verbringen. Das Experiment: Das Zeltlager war wie eine demokratische Republik organisiert. Alle Entscheidungen wurden von und mit den Kindern und Jugendlichen im Lagerratsmodell getroffen. Einer der Ideengeber war Kurt Löwenstein (*1885–1939†), einer der bedeutendsten Reformpädagogen für die Arbeiter*innenjugendbewegung jener Zeit.

Kinder bestimmen sogar auf Bundeskonferenzen mit

Bis heute ist das Camp in Seekamp Vorbild für die Demokratiemodelle der Zeltlager, Sommerfreizeiten und die verbandliche Organisierung bei der Sozialistischen Jugend Deutschlands – Die Falken, der Nachfolgeorganisation der SAJ. Im klassischen Modell sind Kinder bei den Falken in F(alken)-Gruppen (6–12 Jahre), R(ote)-F(alken)-Gruppen (12–15 Jahre) und S(ozialistische)-J(ugend)-Gruppen (16–21 Jahre) organisiert. Diese Gruppen treffen sich regelmäßig vor Ort. Bereits Kindergruppen sind auf Bundeskonferenzen antragsberechtigt – ein Instrument, das alle paar Jahre auch tatsächlich genutzt wird. Der Konsens „Die Gruppe macht’s“ prägt auch die Demokratie im Zeltlageralltag.

Der Fokus liegt auf Selbstorganisation

Im pädagogischen Grundverständnis der „Sozialistischen Erziehung“ wird der Anspruch auf Mit- und Selbstbestimmung deutlich: Kinder und Jugendliche sollen im Prozess des „Subjektwerdens“ begleitet werden – also zu mündigen, selbstbewussten und selbstbestimmten jungen Menschen, die sich ihrer selbst und ihrer Umwelt bewusst sind. Wir (Laien-)Pädagog*innen nennen uns dabei bewusst Helfer*innen statt Betreuer*innen oder Teamer*innen. Unsere Aufgabe ist es, Selbstorganisation zu ermöglichen und zu unterstützen.

Klare Strukturen für die Mitbestimmungsprozesse im Lager

Kinder und Jugendliche schlafen bei den Falken gemeinsam in Zelten – unabhängig von ihrem Geschlecht. Besteht eine Gruppe schon vor dem Zeltlager, teilt sie sich auch ein Zelt. Meistens sind es 5–7 Kinder oder Jugendliche, nach Alter aufgeteilt. Diese Gruppen wählen an einem der ersten Tage eine*n Zeltsprecher*in, die\*der die Interessen im Dorfrat vertritt. Ein Dorf besteht in der Regel aus 5–10 Zeltgruppen ähnlichen Alters. Der Dorfrat entsendet Delegierte in den Lagerrat. Dort können die Teilnehmenden formlos Anträge einbringen – etwa zum Sortiment des Zeltlagerkiosks, zum Speiseplan, zur Programmgestaltung oder zu Regeln wie der Zubettgehzeit. Die Anträge werden in den Gremien diskutiert. Helfende beraten und haben ein Stimmrecht, können die Teilnehmenden jedoch nie überstimmen.

Gemeinsam veränderbare Lagerregeln erarbeiten

Am ersten Lagertag erarbeiten wir gemeinsam Regeln des Zusammenlebens und klären: „Wie wollen wir zusammenleben?“ Einige Regeln werden mit einem „Schloss“ versehen und sind nicht veränderbar – etwa die Gesetze der Bundesrepublik Deutschland und ggf. des bereisten Landes, sowie Grundsätze zu Grenzachtung und Prävention sexualisierter Gewalt. Alle weiteren Regeln können von den Kindern und Jugendlichen verändert werden. Fast in jedem Zeltlager wird die Zubettgehzeit neu verhandelt. Ein Beispiel aus dem Lagerratsprotokoll des Zeltlagers der SJD – Die Falken Essen 2021:

Antrag aus dem F-Dorf:

Die Zubettgehzeit für die Kinder wird von 22 Uhr auf 24 Uhr geändert.

Der Antrag wird von Leland, Chayenne und Niklas eingebracht.

Die Delegierten aus dem SJ-Dorf geben zu bedenken, dass die Kinder dann den ganzen Abend laut seien und sie bei ihrem eigenen Abendprogramm stören könnten.

Die Helfenden aus dem F-Dorf weisen darauf hin, dass es morgens bereits um acht Frühstück gibt und auch die Helfenden Schlaf brauchen. Außerdem fragen sie, wie sie reagieren sollen, wenn nicht alle Kinder um 24 Uhr im Bett sind.

Die Antragsstellenden aus dem F-Dorf schlagen vor, dass die Kinder sich ab 22 Uhr noch in ihrem Großzelt aufhalten und dort ruhig malen oder Spiele spielen dürfen. Wenn sie sich nicht daranhalten, soll die Regel wieder abgeschafft werden.

Alle Beteiligten sind einverstanden. Der Beschluss wird – bei einer Enthaltung aus dem F-Dorf-Helfendenteam – einstimmig gefasst.

Mitbestimmung muss gelernt werden

In diesem Fall hielten die Teilnehmenden die Regel tatsächlich zwei Abende lang ein. Danach waren sie so müde, dass sie meist schon gegen 23 Uhr im Bett waren. Doch Mitbestimmung muss gelernt werden. Der Alltag von Kindern und Jugendlichen ist in der Regel stark fremdbestimmt. Viele sind im Zeltlager zunächst überfordert, und es fehlt ihnen an Mut und Kreativität, die Möglichkeiten der Mitbestimmung auszuschöpfen. Zwar wird „Beteiligung“ jugendpolitisch als en vogue Thema hoch und runter gespielt – häufig aber ohne den echten Anspruch auf Mitbestimmung. Jugendverbände sind Orte, an denen junge Menschen – auch wenn nur im geschützten Rahmen – selbstbestimmt und selbstorganisiert über ihren Alltag entscheiden dürfen. Wir Falken glauben: Wer eine mündige Demokratie will, muss (junge) Menschen zu mündigen Demokrat*innen erziehen – und das gelingt nur, wenn sie mit ihren Bedürfnissen, Wünschen und Vorstellungen ernst genommen werden.

Zur Website der SJD – Die Falken

Bilder: SJD – Die Falken, Landesverband NRW

Über den*die Autor*in

Portrait von Maja Iwer

Maja Iwer

Maja war von 2021-2025 hauptamtliche Landesvorsitzende der Sozialistischen Jugend Deutschlands – Die Falken in Nordrhein-Westfalen. Sie ist seit ihrem 14. Lebensjahr Mitglied der Falken in Essen und hat viele Jahre Gruppenhelfer*innen bei den Falken ausgebildet und war mehrfach Lagerleitung von Freizeiten und Zeltlagern der Falken.