Auch wenn das auf den ersten Blick vielleicht nicht direkt ins Auge springt, hat das Thema Ökologie durchaus auch eine spirituelle Seite. Im Kontext des Glaubens spricht man auch häufig von der „Bewahrung der Schöpfung“.
Wie viele Menschen, vielleicht ihr ja auch, immer wieder spüren, ist in der Natur häufig etwas Göttliches zu finden. Malerische Sonnenuntergänge, bezaubernde Vogelgesänge, meditative Stille, verführerische Gerüche und faszinierende Formen, Farben und Größen. Viele erleben Entschleunigung, Besinnung und ein „Auftanken“ in der Natur. Selbstverständlich hat sie, also die Natur, auch einige Abenteuer zu bieten! Man wird stets herausgefordert, etwas Neues zu entdecken und auszuprobieren. Im Lager, auf dem Hike, in Gruppenstunden erleben und begegnen wir dieser Natur. Wir erfahren, dass wir immer noch ein Teil von ihr sind, dass wir uns nicht von ihr trennen können und dass diese Verwurzelung Halt, Kraft und eine gehörige Prise Demut mit sich bringt.
Als Christinnen und Christen dürfen wir glauben, dass diese wunderbare Natur nicht zufällig entstanden, sondern bewusst geschaffen wurde.[1] Auch wir, so dürfen wir glauben, sind erschaffen, gewollt und geliebt. Daher können wir in der Natur den „Fingerabdruck“ Gottes erkennen, der uns auf einmal ganz klein macht. Demut macht sich breit im Anblick der wunderbaren Schönheit der Schöpfung und lässt uns erahnen, wie viel größer, schöner und atemberaubender derjenige sein muss, der das ganze erschaffen hat.
„Wenn du einmal im Leben Kummer und Sorgen hast, dann geh […] mit offenen Augen durch den Wald; und in jedem Baum und in jedem Strauch, in jedem Tier und in jeder Blume, wird dir die Allmacht Gottes zum Bewusstsein kommen und dir Trost und Kraft geben.“ Diesen Rat gibt Herzog Max in Bayern seiner Tochter Sissi im gleichnamigen Film mit. Damit bringt er ziemlich genau auf den Punkt, was mit der spirituellen Seite von Ökologie gemeint ist.
Wir sind nicht Gott. Wir sollen auch nicht Gott sein. Wir sind Menschen! Das bedeutet, dass unsere Macht begrenzt ist und irgendwo aufhört. Trotzdem erleben wir, dass die Macht, die wir haben, doch einiges bewirken kann, zum Guten, wie zum Schlechten. Das leitet zu Höhenflügen und Überschätzung an. Doch der hörende, staunende Blick in die Natur ermöglicht eine Rückbesinnung auf die Tatsache, dass auch wir „nur“ Geschöpfe, nicht der Schöpfer sind. Das ist demütigend, im positivsten aller Sinne. Durch diese Demut können wir Verantwortung abgeben. Denn wenn wir nicht Gott sind, müssen und können wir auch nicht alles machen. Das ist beruhigend, denn da gibt es noch jemanden, der mächtiger und größer ist als wir, der uns liebt und bei uns sein möchte und uns dadurch Trost und Kraft gibt. Der sagt „Schön, dass du da bist! Du musst nicht perfekt sein, ich habe dich so gemacht, wie du bist und darum bist du geliebt!“ Das macht frei von so manchen Sorgen und lässt das Wesentliche sehen.
Die Schönheit der Natur erkennen und wertschätzen ist gerade für uns als Pfadfinderinnen und Pfadfinder einer der bedeutendsten Aufgaben. Schon B.P sagte: „Leben ohne Würdigung der Schönheit ist wie ein trüber Tag ohne Sonne.“ Da die echte Schönheit in der Natur liegt und wir B.P. ein bisschen kennen, möchte er uns hier zur Würdigung der Natur anspornen. Das tun wir immer, wenn wir etwas in und mit dieser Natur gestalten. Im Lager, auf dem Hike ganz besonders und in den Gruppenstunden.
Diese Würdigung der Schönheit können wir, als Pfadfinder, besonders dadurch, da wir in der Natur eben einen Abglanz der Schönheit Gottes erkennen. Diese Motivation, die Schöpfung zu bewahren, weil sie Gottes Werk ist, ermöglicht es eine ganz andere Intensität für den Naturschutz zu gewinnen. Die Natur nicht „nur“ um ihrer selbst willen schützen, sondern weil Gott Seine Schöpfung den Menschen anvertraut hat und sagte: „bebaue und hüte“ (Gen 2, 15).
Im Blick auf die vergangenen Jahrzehnte und Jahrhunderte müssen wir uns als Menschheit immer wieder fragen: Sind wir diesem Auftrag gerecht geworden? Haben wir unsere Aufgabe wahrgenommen und erfüllt? Gerade mit Blick auf die unüberblickbaren Müllberge, der Energiegewinnung, der Herstellung von diversen elektrischen Geräten, den Umgang mit Tieren, muss man häufig leider sagen: Nein, haben wir nicht.
Das ist aber kein Grund entmutigt aufzugeben! Wie lasen wir weiter oben „Wenn du einmal im Leben Kummer und Sorgen hast, dann geh […] mit offenen Augen durch den Wald; und in jedem Baum und in jedem Strauch, in jedem Tier und in jeder Blume, wird dir die Allmacht Gottes zum Bewusstsein kommen und dir Trost und Kraft geben.“? Lasst uns genau das mal ausprobieren „mit offenen Augen durch den Wald“, die Berge, oder sonst wo in die Natur gehen und ohne viel zu denken, einfach wahrnehmen, zu spüren, was das auslöst und so in der Schönheit der Natur die Allmacht Gottes erkennen, die uns Trost und Kraft gibt. Vielleicht kommen dann Ideen und Anregungen für Aktionen, Gruppenstunden, Lager. Vielleicht das Bedürfnis diese Schönheit zu bewahren, damit sie in Zukunft auch anderen Trost, Kraft und Halt geben kann.
Bewahrung der Schöpfung fängt nämlich schon im Kleinen an. Viele wissen es schon und machen auch einiges. Dazu finden sich in dieser Ausgabe ja sehr viele Tipps, Infos und Ideen. Die spirituelle Seite dieser Thematik kann die Aktivität für die Natur auf eine andere Ebene heben und von einem Bedürfnis, zu einer „göttlichen Pflicht“ werden. Dann kann man, wie die Blues Brothers sagen „Wir sind im Auftrag des Herrn unterwegs!“ und sollen „die Welt ein bisschen besser zurückzulassen als [wir] sie vorgefunden hab[en].“ – Lord Robert Baden-Powell.
Johannes Jacobs, Arbeitsgemeinschaft Spiritualität
[1] Um Missverständnisse zu vermeiden sei hier angemerkt, dass damit selbstverständlich nicht die fundamentalistische Richtung der sogenannten „Kreationisten“ verfolgt wird. Wir stehen mit beiden Füßen auf den wissenschaftlichen Erkenntnissen. Damit soll nur ausgedrückt werden, dass zwischen Evolutionstheorie und Schöpfung, kein Widerspruch sein muss. Könnte Gott die Welt nicht durch die Evolution geschaffen haben? Ist es nicht auch möglich den Begriff „Evolution“ mit „Schöpfung“ zu vertauschen?