Als DPSG verstehen wir uns als weltoffener Verband, der allen Menschen Raum bietet. In der Praxis scheitert es oft schon an den alltäglichsten Themen und Auseinandersetzungen. Oder auch am Thema Hygieneprodukte. Frieda hat mit Betroffenen gesprochen und analysiert, wie wir Mitbestimmung in der DPSG für alle ermöglichen können.
Als ich mal von einer Leiterin gefragt wurde, ob wir in unserem Stamm eigentlich Binden und Tampons für die Teilnehmenden im Lager mitnähmen, geriet ich ins Stocken. Nein, taten wir zu diesem Zeitpunkt nicht.
Sie war verwundert, denn es sei doch so einfach diese Artikel mitzunehmen. Es koste den Stamm nicht viel und könnte gerade jüngeren Pfadfinder*innen in unserem Verband viel Stress und Ärger ersparen. Stimmt, da hatte sie in jedem Fall Recht. Für mich war klar, dass wir also zukünftig Menstruationsprodukte mitnehmen. Selbstverständlich sollte ein freier Zugang zu diesen Hygieneartikeln bestehen, so wie er ja auch zu anderen Produkten wie beispielsweise Klopapier besteht. Dieser wird ja auch nicht in Frage gestellt wird.
Jedoch löste dieses Gespräch Fragen in mir aus:
Wie konnte es sein, dass wir bisher keine Binden und Tampons mitgenommen haben? Ich selbst bin nicht auf die Nutzung angewiesen, aber wieso wurde es noch nie von Betroffenen in der Leitungsrunde angesprochen? Merkwürdig… kann es vielleicht sein, dass die Hürden, es anzusprechen, zu hoch sind? So hoch, dass der Umgang mit der Menstruation dann doch individuell gelöst wird? Und gibt es vielleicht noch weitere Dinge, welche gerade FLINTA* die Teilhabe bei uns Pfadfinder*innen erschweren? (Hinweis: FLINTA* meint Frauen, Lesben, intergeschlechtliche, nichtbinäre, transgeschlechtliche, agender und weitere aufgrund des Geschlechts marginalisierten Personen.)
Auf PRISMA, dem großen bundesweiten Leitendenlager dieses Jahres, habe ich die Gelegenheit genutzt, um mit einzelnen Personen aus unterschiedlichen Stämmen ins Gespräch zu kommen und erfragt, inwiefern ihr Geschlecht die Teilnahme in der DPSG beeinflusst. Außerdem wollte ich wissen, ob es bereits Lösungsansätze gibt.
Gelobt wurde an dieser Stelle, dass das PRISMA da direkt vorgemacht hat, wie es laufen kann. Dort gab es nämlich freien Zugang zu Binden und Tampons auf den Toiletten. Und das nicht nur auf den „Damentoiletten“, sondern auch auf den „Herrentoiletten“. Das freut alle trans Personen. Der Fakt, dass die Toiletten überhaupt nach Geschlechtern getrennt werden, jedoch weniger. Wichtig sei auch, dass es nicht nur freie Menstruationsprodukte gäbe, sondern auch die Möglichkeit, diese diskret und direkt entsorgen zu können. Also blickdichte Müllbeutel/-eimer an Ort und Stelle. Und bestenfalls eine direkte Möglichkeit, Hände zu waschen. Gerade auf Zeltplätzen, wo Sanitäreinrichtungen selbst gebaut wurden, wurde dies häufig vergessen.

Toiletten würden von manchen Frauen ohnehin ungern aufgesucht, solange viele Menschen auf dem Platz seien. Es hält sich wohl das Narrativ, dass Frauen nur Einhörner pupsen. Dabei müssen Frauen genauso aufs Klo, um dort kacken und pinkeln zu gehen wie alle anderen auch. Und das wird auch genauso stinken wie bei allen anderen. Jedoch ist es wohl so, dass einige Frauen sich eben durch ihre Sozialisation dazu gezwungen fühlen, ihren Toilettenbesuch irgendwie „sinnig“ in den Tagesablauf einzuplanen. Dann auf Klo zu gehen, wenn möglichst wenige Menschen auf dem Platz seien. Sei es, wenn der Großteil schläft, oder die anderen wegen eines Geländespiels oder Ausflugs gar nicht erst auf dem Platz sind, damit es bloß niemand mitbekommt.
An dieser Stelle wird sich gewünscht, dass gerade Männer ihre oftmals sehr offenen und bis ins letzte Detail beschreibenden Gespräche über den persönlichen Stuhlgang, samt kreativster Techniken fürs bessere Gelingen, einstellen und bitte kritisch reflektieren. Denn Frauen müssen sich das alles, oftmals schon morgens im Zelt, mitanhören, auch wenn sie nicht mitreden können, ohne Angst haben zu müssen, anschließend vielleicht als komisch wahrgenommen zu werden.
Im Zelt spielen sich auch weitere Herausforderungen ab. So haben einige Menschen eine deutlich kompliziertere Situation sich umzuziehen, solange ihre Brust in unserer Gesellschaft sexualisiert wird. Das Zelt mit Menschen zu teilen, die nur ihre Unterhose zum Schlafen tragen, sei teils schwer zu ertragen.
Für manche der Menschen, vor allem Frauen, mit denen ich gesprochen habe, erklärt all dies, wer überhaupt mit ins Zeltlager fährt oder gar in der DPSG bleibt.
Die Männer seien in der DPSG breit vertreten und verstehen Pfadfinden, was sich auch auf dem Prisma gezeigt hat, irgendwo auf dem Spektrum von „Saufverein“ bis hin zudem, was es doch eigentlich ist: Eine Jugendbewegung, die tatsächlich was bewegen, verändern möchte, die möglichst vielen unterschiedlichen Menschen einen Raum gibt. Es seien zwar nicht alle, aber ausschließlich Männer, die Konzepte wie die Schutzhütte als nervig oder sogar unnötig empfinden, die sich den Ideen nachhaltiger Ernährung, welche oft von Frauen angestoßen werden, querstellen. Es sind eher Männer, die sich weigern, den teils sehr hohen Alkoholkonsum im Verband zu hinterfragen, oder zumindest zu akzeptieren, dass weitere Getränke neben Bier, ob alkoholisch, wie z.B. Wein oder Radler, oder nichtalkoholisch, wie Limo, am Lagerfeuer nicht den Weltuntergang bedeuten würden.
Das alles führe zwangsläufig dazu, dass nur jene Frauen blieben, die ein sehr dickes Fell mitbringen, die es aushalten viel diskutieren zu müssen. Es gäbe genügend Frauen, denen es irgendwann zu viel würde, die es irgendwann nicht mehr aushalten konnten. Sanftere, ruhigere Frauen hörten dann eben irgendwann auf – viele schon im Kindesalter. Sogenannte „Mauerblümchen“ gäbe es bei uns eher nicht. Dafür sei es viel zu anstrengend in unserem Verband. Was mir bis dato also positiv auffiel, dass die meisten Frauen, die ich kenne, also jene in der DPSG, sehr offen, extrovertiert, anpackend, schlagfertig, belastbar sind, entpuppte sich als großes Problem und wurde von Frauen, mit denen ich gesprochen habe, stark kritisiert.
Die Gespräche, die ich führen konnte, waren teilweise sehr lang und sehr intensiv, es wurden oft ähnliche Dinge bemängelt und insbesondere Frauen konnten viel mit den Erfahrungen und Gedanken anderer Frauen relaten. Es kam auch die Idee auf, zukünftig Frauen- oder FLINTA*-Zeltlager oder Aktionen zu veranstalten. Einerseits, um sich weiter auszutauschen, aber auch, um Aufgaben übernehmen zu können, die Frauen sonst zwar nicht immer vorenthalten werden, aber leider noch oft unbewusst von Männern übernommen werden.
Auch wenn ich es nicht schaffe den Unterhaltungen, die ich führen durfte, im Ansatz gerecht zu werden, hoffe ich dennoch, dass dieser Artikel mit dazu beitragen kann, dass mehr Menschen in unserem Verband sich bewusst darüber werden, dass es Hürden gibt, die nicht selten dazu führen, dass manche Menschen aufgrund ihres Geschlechts gar nicht erst Teil unseres Verbands sein möchten. Oder sich bei manchen Themen nicht trauen, sich zu äußern. Ich hoffe, dass mehr Menschen darüber reden und sich Gedanken darüber machen, wie wir es schaffen, dass sich mehr Menschen bei uns wohl fühlen. Und ich erwarte, dass FLINTA* in ihren Anliegen ernst genommen werden, dass ihnen ihr Empfinden in unterschiedlichsten Situationen nicht abgesprochen wird und dass sie nicht dem Gefühl einer Selbstzensur unterliegen dürfen, nur weil sie für ihre Rechte einstehen.
Titelbild: Arne Leusing
Bild im Text: sibway – istockphotos