Projekt Wohnzimmer – Spontanes Ehrenamt in der Corona-Zeit 

Der Corona-Virus stellt die Welt auf den Kopf. Wir alle müssen mit Einschränkungen leben, die wir bis vor Kurzem nicht für möglich gehalten hätten. Dazu kommt die latente Sorge, dass […]

Der Corona-Virus stellt die Welt auf den Kopf. Wir alle müssen mit Einschränkungen leben, die wir bis vor Kurzem nicht für möglich gehalten hätten. Dazu kommt die latente Sorge, dass man selbst oder Familie und Freunde sich anstecken könnten. Kein Wunder, dass die meisten von uns mit Ängsten zu kämpfen haben. Die einen mehr, die anderen weniger. Aber wer kann schon von sich behaupten, völlig angstfrei durch diese verrückten Zeiten zu gehen?  

Ein wunderbares Mittel gegen die Angst ist Hoffnung. Zum Glück sind die Gründe, Hoffnung zu haben, zahlreich. Sie liegen nicht nur im Rückgang der Infektionszahlen und in der Aussicht auf Impfstoffe, sondern auch im Verhalten unserer Mitmenschen. 

Verrückte Zeiten sind es auch für das Ehrenamt. Es hat fast den Anschein, als würde das Ehrenamt derzeit umgekrempelt. An viel zu vielen Stellen müssen ehrenamtliche Tätigkeiten reduziert oder eingestellt werden. Dafür taucht freiwilliges Engagement plötzlich an ganz neuen Ecken auf: Wie viele Menschen hätten es Anfang des Jahres nicht geglaubt, wenn man ihnen gesagt hätte, dass sie bald einen Einkaufsservice für ältere Menschen anbieten würden? Dass sie sich in wenigen Wochen die Finger wund nähen würden, um Masken herzustellen? In der Not sind die Menschen ganz offensichtlich für einander da. Sie werden spontan zu Ehrenamtlichen, die sich für ihre Mitmenschen einsetzen. Ihr selbstloses Engagement für ihre Mitmenschen stiftet Hoffnung. Für die Corona-Krise und darüber hinaus. 

Ein beeindruckendes Beispiel für spontanes, ehrenamtliches Engagement hat sich in Dülmen abgespielt. Die Mitarbeiter*innen der Firma MP Veranstaltungstechnik – zum Teil DPSGler*innen – liefern für gewöhnlich das Equipment und Know-how, das für viele kulturelle Veranstaltung dringend benötigt wird. Und dann kam der Lockdown. Schlagartig fand das kulturelle Leben praktisch nicht mehr statt. Lautsprecher, Bühnenelemente und Scheinwerfer standen nutzlos rum, die Mitarbeiter*innen hatten kaum noch etwas zu tun. Zur gleichen Zeit sitzen Künstler*innen und Menschen zu Hause und trauern dem fehlenden kulturellen Angebot nach. Diese skurrile Situation brachte Markus Schnieder und seine Kolleg*innen auf eine Idee: „Kulturelle Veranstaltungen sind abgesagt, Fitnessstudios und Büchereien geschlossen. Manche müssen jeden Euro zweimal umdrehen und können sich nicht einmal ein Netflix-Abo leisten. Dies alles hat uns dazu bewegt unsere Fähigkeiten und unsere Freizeit sinnvoll einzusetzen und etwas für unsere Mitmenschen zu tun.“ erklärt Markus, Mitarbeiter bei MP und Pfadfinder beim DPSG-Stamm Dülmen Heilig Kreuz. Und nur eine Woche (!) später ging das Projekt Wohnzimmer an den Start. Das Konzept des Projekts: Auf einer Bühne in einer Lagerhalle, findet ein abwechslungsreiches Kulturprogramm statt, das für jeden Geschmack etwas bietet. Die Zuschauer können sich per Online-Stream von zu Hause aus zuschalten und das Angebot kostenlos nutzen.  

Nicht nur die Initiator*innen des Projekts agieren dabei ehrenamtlich. Innerhalb der Branche verfügte Firma MP über zahlreiche Kontakte, von denen sich mehr Künstler*innen zur Teilnahme bereit erklärt haben, als man im Programm unterbringen konnte. Unter Einhaltung der Sicherheitsauflagen – die Bühne war völlig überdimensioniert, damit Gruppen den Mindestabstand einhalten konnten – traten in den folgenden vier Wochen verschiedenste Entertainer*innen, Musiker*innen, Bands und DJs auf. Doch auch ein Fitnessprogramm und Informationen zur derzeitigen Corona-Situation waren Bestandteil des Online-Kulturfestivals. Zum Beispiel diskutierten Mediziner*innen und Lokalpolitiker*innen die Lage in der Region. So konnte sogar NRW-Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann für eine Podiumsdiskussion gewonnen werden. 

Markus und seine zehn beteiligten Mitstreiter*innen waren vom Erfolg des Projekts überwältigt: „Wir hätten niemals gedacht, dass wir so eine hohe Reichweite erreichen würden.“, so Markus. „Es haben bis zu 700 Menschen gleichzeitig auf den verschiedenen Plattformen zugeschaut. Insgesamt haben wir 70.000 Menschen mit unserem Programm erreicht. Die Lokalpresse hat fast täglich berichtet.“ Die technischen Arbeiten und die Organisation, die das umfangreiche Programm erforderte, verlangten den Beteiligten aber auch einiges ab. „Wir haben wochenlang täglich bis in die Nacht hinein am Projekt gearbeitet. Das war auf die Dauer schon extrem anstrengend.“ 

Mit ihrem selbstlosen und professionellen Einsatz haben die spontanen Ehrenamtlichen des Projekts nicht nur ihren zu Hause eingesperrten Mitmenschen etwas Hoffnung gemacht. Auch der Gilwell Sankt Ludger in Haltern durfte neue Hoffnung schöpfen. Wie viele andere Bildungseinrichtungen auch, hat die Corona-Krise das „Wohnzimmer des DPSG Diözesanverbands Münster“ in eine bedrohliche Lage gebracht. So war es für die DPSGler*innen des Projekts Ehrensache, im Zuge der Aktion einen Spendenaufruf für den Gilwell zu starten. Auch hier wurden alle Erwartungen übertroffen. Es kam eine stattliche Summe zusammen, die dem Gilwell in der kommenden Zeit eine große Hilfe sein wird. 

Und wie geht es mit Projekt Wohnzimmer weiter? „Was wir in den letzten Wochen erlebt haben, war eine einmalige Erfahrung. Aber jetzt müssen wir uns erst einmal wieder von dem Lagerkoller erholen. Das Projekt ist in der Form also beendet,“ so Markus. Allerdings konnte das Team neben den Erfahrungen auch neue Ideen sammeln. „Wir wollen die Menschen in der Corona-Zeit weiterhin nicht allein lassen. Man wird bald wieder von uns hören. Dann aber in kleinerer Form.“ 

Über den*die Autor*in

Arne Leusing

Arne ist Medienreferent im Diözesanverband Münster und Mitglied im Arbeitskreis Kommunikation und Medien.