Vom Wölfling zur Legende 

Ehrenamtliche profitieren von ihrer Tätigkeit auf die eine oder andere Weise. Jede*r findet darin etwas für sich, dass ihn oder sie motiviert, weiterzumachen. Gut so! Stellt dieses Prinzip doch sicher, […]

Ehrenamtliche profitieren von ihrer Tätigkeit auf die eine oder andere Weise. Jede*r findet darin etwas für sich, dass ihn oder sie motiviert, weiterzumachen. Gut so! Stellt dieses Prinzip doch sicher, dass sich immer Leute finden, die ehrenamtlich Aufgaben übernehmen. 

Doch manch eine*n packt es einfach! In so manchem Leben erkämpft sich das Ehrenamt langsam aber sicher mehr und mehr Raum, bis es sich zu einem essenziellen Teil des Alltags entwickelt hat. Aber wie kann man sich über viele Jahre und Jahrzehnte immer wieder neu motivieren? „Urgestein“ Billy stand uns im Interview Rede und Antwort und verrät unter anderem, warum der Hajk zur Ehrenamts-Legende hier und da auch mal steinig ist. 

1. Stell dich kurz vor:  

Wie heißt du?   

Mein Name ist Dirk Stratmann, ich bin aber eher unter Billy bekannt. Diesen Spitznamen bekam ich schon als Wölfling in meinem Heimatstamm St. Vincentius in Dinslaken im Bezirk Niederrhein-Süd.  

Woher kommst du? 

Ich wohne zusammen mit meiner Frau, die auch Pfadfinderin ist und unseren drei Töchtern in Bocholt im Bezirk Borken. Meine älteste Tochter ist auch schon auch bei den Wölflingen. Beruflich arbeite ich als Grundschullehrer an einer katholischen Grundschule in Vreden.       

Wie lange bist du schon bei der DPSG? 

Ich bin klassisch 1983 als Wölfling gestartet und habe alle Stufen durchlaufen (ich bin Jahrgang 1975). Seit meiner Leiterzeit fühle ich mich in der orangen Stufe zu Hause, auch wenn ich kurzzeitig in der Pfadi- und Roverstufe als Leiter tätig war. In meiner weiteren Pfadfinderlaufbahn war ich Stammesvorsitzender, Wölflingsreferent und Bezirksvorsitzender im Bezirk Niederrhein-Süd, später Ausbildungsreferent. Zum Schluss war ich über 10 Jahre im Diözesanausbildungsarbeitskreis tätig, den ich mit aufgebaut habe. Zwischenzeitlich habe ich auch drei WBK´s der Wölflingsstufe mit geleitet und seit meinem offiziellen Rückzug aus dem Ausbildungs-AK suche ich mir die Veranstaltungen und Projekte aus, die sich mit meiner Familie, Zeit und Interessen vereinbaren lassen. Zur Zeit sind das die Mitarbeit in der Musik- und Notfallmanagement-AG. Die Planung des Herbst Modulkurses steht aktuell auf dem Plan und die Vorbereitung des nächsten Wö-WBK´s 2021 startet auch demnächst.  

Warum bist du schon so lange dabei? 

Ganz kurz gesagt, ich glaube ich kann nicht wirklich glücklich sein, ohne in irgendeiner Art und Weise noch aktiver 

Pfadfinder zu sein. Ob es jetzt das Notfallmanagement, die Musik-AG, das Teamen von WBK´s oder als Mitglied bei den Freunden und Förderern ist. Das Pfadfindersein gehört einfach zu mir dazu und hat mich in meiner persönlichen Entwicklung so geprägt wie kein anderer Verein, Institution oder Universität. Ich wäre heute ein anderer Mensch, hätte es die Pfadfinder nicht gegeben.  

„Ich wäre heute ein anderer Mensch, hätte es die Pfadfinder nicht gegeben.“ 

An dieser Stelle muss ich auch meiner Frau Jeannette danke sagen, die mir dies so lange ermöglicht hat. Hätte sie nicht so viel Verständnis für mein „Hobby“, wäre ich sicherlich schon lange nicht mehr dabei. Sicherlich konnte sie als Pfadfinderin gut nachempfinden, was es für mich bedeutet. Dabei war mir stets klar, dass es einige Abende, Wochenenden und auch mal Kurswochen unserer gemeinsamen Zeit der Pfadfinderei geschuldet wurden. Nach der Geburt unserer dritten Tochter haben wir uns darauf verständigt, dass ich langsam pfadfindermäßig kürzer trete und zumindest alle offiziellen Ämter und Posten ablege. So bin ich jetzt in „Pfadfinderrente“.      

3. Es gab doch bestimmt auch mal Zweifel an deinem Engagement. Wie hast du dich neu motiviert? 

Zweifel hatte ich eigentlich nie. Zur Frage meiner Motivation möchte ich sagen, dass meine Motivation zum Pfadfindersein nie weg war. Im Gegenteil, wie heißt es in der Psychologie: Die Pfadfinderei hat mich stets von innen her – intrinsisch – motiviert. Nach der Glücksforschung belohne ich mich selbst, wenn ich als Pfadfinder unterwegs bin und meine 

Kluft trage und das wiederrum macht mich glücklich. Ein weiterer Punkt sind auch die Rückmeldungen von Teilnehmern*innen nach Kursen und WBK´s die mich immer wieder beflügeln und weiter motivieren z.B. meine Erfahrungen weiterzugeben, Leiter*Innen auf ihrem Weg hin zum WBK zu begleiten, einfach die gemeinsamen Erlebnisse als Pfadindende zu genießen und zu leben. Das Pfadfindersein ist eine Lebenseinstellung für mich: Pfadfinder bin ich oder ich bin es nicht, etwas dazwischen gibt es nicht.   

4. Hat sich etwas (im Ehrenamt) bei der DPSG verändert? (auf dich, aber auch auf den Verband bezogen) 

Mit Blick auf den Gesamtverband fange ich mal damit an, dass ich die große Ehre und Chance hatte das Gesamtverbandliche Ausbildungskonzept, dass unter anderem in unserem Diözesanverband seinen Anfang nahm als Mitglied des Ausbildungsarbeitskreises auf den verschiedenen Bundesausbildungstagungen mit zu entwickeln. Meiner Meinung nach hat sich die DPSG in den letzten Jahrzehnten immer mehr zu einem eher „pädagogisch“ orientierten Verband hin entwickelt. Der Baustein Pfadfindertechniken in unserem Ausbildungskonzept ist zum Beispiel kein Pflichtbaustein. Zeitweise war es der Baustein Geschichte und Hintergründe auch nicht.  

Jetzt komme ich auf den eigentlichen Punkt zu sprechen. Als ich mit dem Pfadfinden in meinem Heimatstamm anfing, da wurde in den Gruppenstunden, an Wochenenden und Lagern viel Wert auf die Vermittlung der ureigenen pfadfinderischen Werte, Fähigkeiten und Fertigkeiten gelegt, ich lernte z.B. schon als Wölfling Knoten, Orientierung mit Karte und Kompass, Wegzeichen, das Pfadfindergesetz usw. um nur Einiges aufzuzählen. Fast jeder Leiter konnte früher Gitarre spielen und unsere Gesänge am Lagerfeuer begleiten. Heutzutage nehme ich wahr, dass immer weniger Leiter über diese grundlegenden pfadfinderischen Fähigkeiten und Fertigkeiten verfügen und diese demnach auch leider nicht mehr an ihre Gruppenkinder weitergeben können. Im Hinblick auf die Digitalisierung, mit GPS und Handy-Navigation tritt dies vielleicht in den Hintergrund. Ich finde aber die DPSG bietet gerade in unserer digitalen Zeit die Chance z.B. das Sommerlager mal bewusst ohne Technik durchzuführen und Kindern und Jugendliche eine Möglichkeit zu geben, sich selbst zu entdecken und zu entwickeln ganz im Sinne unseres Gründers => PFADFINDEN UNMÖGLICH ! BILD 

Leider wird es bezogen auf das Ehrenamt in der DPSG immer schwieriger Personen für Ämter in den Arbeitskreisen, Leitungen und Vorständen aller Ebenen zu finden. Das Ehrenamt bietet hier gerade für junge Menschen eine Chance sich auszuprobieren und weiterzuentwickeln.  

„Das Ehrenamt bietet hier gerade für junge Menschen eine Chance sich auszuprobieren und weiterzuentwickeln.“ 

Ich habe das auch getan und habe es nie bereut. Ich möchte sogar sagen, dass ich heute ein anderer Mensch wäre, hätte es die Pfadfinderei nicht gegeben. Die Pfadfinderei war und ist eine der spannendsten und interessantesten Schulen, durch die ich in meinem Leben gegangen bin und mit Schulen kenne ich mich als Grundschullehrer aus. Ohne die Erfahrungen als Wölflingsleiter, die unterschiedlichsten religiösen und spirituellen Momente mit Kindern und anderen Pfadfinder*innen, hätte ich wohl heute auch nicht einen der schönsten Berufe der Welt. Selbst im beruflichen Alltag bin ich Pfadfinder und legen großen Wert darauf, dass die Kinder im Unterricht viele eigene Erfahrungen machen können und über sich hinauswachsen können, ein „das kann ich nicht“ oder „das ist mir zu schwer“ lasse ich oft nicht so einfach im Klassenraum stehen, ganz im Sinne von „learning by doing“. Also, trau Du dich auch, ich verspreche dir, du wirst es nicht bereuen.    

5. Was wünscht du der DPSG und ihren Ehrenamtlichen für die Zukunft? 

Ich wünsche der DPSG und ihren Ehrenamtlichen,  

– dass bei aller Liebe und Notwendigkeit von Pädagogik, wir unsere Wurzeln nicht vergessen und dies in all unseren Entscheidungen mit einfließen lassen. 

– dass sich mehr Leiter*innen für Ämter in Bezirks-, Diözesan- und Bundesleitung finden und sich ausprobieren können! 

– findet einen Lebenspartner*in der bzw. die auch DPSG´ler*in ist J. 

Gut Pfad 

Euer 

Dirk „Billy“ Stratmann 

Über den*die Autor*in

Dirk Stratmann