Von Männern und Frauen 

Ich habe Geschichten gesammelt. Die folgenden fünf Szenen stammen nicht alle von mir, sondern von Freundinnen, alle sind Anfang 20:   Ich bin mit Freunden auf einer Party. Ein fremder Typ […]

Ich habe Geschichten gesammelt. Die folgenden fünf Szenen stammen nicht alle von mir, sondern von Freundinnen, alle sind Anfang 20:  

Ich bin mit Freunden auf einer Party. Ein fremder Typ kommt in den Raum, umarmt meine Freundin und küsst sie auf die Wange. Sie guckt verdutzt, sagt aber nichts dazu. Der Typ kommt zu mir, will auch mir einen Kuss geben. Ich strecke ihm die Hand zum Schütteln entgegen und sage: „So läuft das nicht, stell dich doch erstmal vor“. Er guckt verwirrt in die Runde. Mein Kumpel winkt ab: „Mach dir keinen Kopf, die ist immer so“. 

Ich trage gerne second-hand Mode. Auch mal weitere Klamotten, Gemütlichkeit ist mir wichtig. Meiner Mutter fiel das auf: „Kind, pass auf, was du anziehst – die Männer sollen dich doch attraktiv finden.“ 

Ich sitze mit Freunden im Park. Die eine Freundin statuiert, sie sei keine Feministin, sie genieße die Rollenbilder viel zu sehr: Ihr Freund brauche ja nicht ihre Handtasche zu tragen, aber sie lasse sich gerne mal einladen. Die zweite stimmt dem zu, es sei ja auch wahnsinnig praktisch, dass Männer so gut Fahrräder reparieren könnten. Der einzige Mann in der Runde stöhnt: „Ich bin Feminist. Und ich wünschte, meine Freundin könnte selbst ihr Fahrrad flicken.“ 

Mein Freund möchte seinen Geburtstagskuchen anschneiden. Er fragt mich, oder eher sich selber, aber laut: „Wie mache ich das jetzt am Besten?“ Ich zeige ihm, wie ich es machen würde. Sein Großonkel: „Gut, dass wir für sowas die Frauen haben! Allein wären wir Männer manchmal aufgeschmissen.“ Die Stücke wurden beim Schneiden nicht ganz gleichmäßig. Als der Großonkel zugriff, nahm er nach kurzem Zögern doch ein größeres Stück, denn „die kleinen Stücke lassen wir für die Frauen, da setzt es ja schneller an“. Ich nahm ein großes Stück. 

Ich sitze im Bus. Das Mädchen eine Reihe vor mir zieht seinen Lippenstift nach. Der alte Mann gegenüber meint: „Die Männer mögen es lieber natürlich.“ Das Mädchen antwortet: „Und die Damen mögen Männer, die nicht denken, jede beliebige weibliche Handlung habe die Motivation dem Mann zu gefallen.“ 

Ich bin auf einem Teamtag mit Schwerpunkt auf geschlechtersensibler Sozialer Arbeit. Der Teamtag findet auf einem Abenteuerspielplatz statt und es wurde eine Person von außerhalb hinzugeholt, die das Team beim Bauen von neuen Spielgeräten anleiten soll. Das Team wurde gebeten sich in zwei Gruppen zu teilen, um zwei Geräte bauen zu können. Dem einen Gerät haben sich zuerst nur Frauen zugeordnet. Daraufhin betont der externe Anleiter, dass ja zu der Frauen-Gruppe unbedingt noch ein Mann gehen müsse. Ungeachtet der technischen Befähigung der weiblichen Kolleginnen schien für den Externen selbstverständlich zu sein, dass wir diese Aufgabe nur mit mindestens einem Mann hinbekommen würden. 

Es sind doch immer wieder die gleichen Vorurteile, die Frauen entgegengebracht werden, auch wenn sie vielleicht manchmal als nette kleine Vorstellungen und Forderungen verpackt sind: Frauen sollen häuslich sein, sich hübsch und ansprechend kleiden, sie sollen sich männlichen Bedürfnissen anpassen und für technische Aufgaben brauchen sie Männer. Man könnte jetzt bestimmt noch einiges hinzufügen: Frauen sind emotional, leidenschaftlich, fürsorglich und sie können nicht einparken. Da kann man jetzt sagen: Aber es gibt ja auch Vorurteile Männern gegenüber: Männer können zum Beispiel schlecht zuhören, sind nicht empathisch und grobmotorisch veranlagt. Sie sind unorganisiert und ein bisschen schlampig. Ja super, Vorurteile auf beiden Seiten. Hey Gleichberechtigung! 

Fakt ist aber leider, dass wir auch 2019 immer noch nicht in einer Gesellschaft leben, in der Männer und Frauen gleichberechtigt sind. Man bedenke, mit welchen Botschaften Mädchen bei uns aufwachsen: Du darfst auf keinen Fall abends alleine nach Hause gehen! Trag keinen zu kurzen Rock oder einen zu tiefen Ausschnitt! Lynzy Lab, eine junge Amerikanerin, hat dazu ein sehr treffendes Lied geschrieben, eine Parodie auf Trumps Aussage „It is a very scary time for young men in America“, Trumps Reaktion auf die wiederholten Vergewaltigungsvorwürfe gegen den Richter Brett Kavanaugh. Lab beschreibt darin verschiedene Situationen oder Handlungen, die Frauen von der Gesellschaft verwehrt werden, für die sie moralisch verurteilt werden. Hier ein kleiner Ausschnitt:  

„I can’t wear a mini-skirt if it’s the only one I own 

I can’t use public transportation after 7pm 

I can’t be brutally honest when you slide into my DMs 

I can’t go to the club just to dance with my friends 

And I can’t ever leave my drink unattended“. 

Man darf an dieser Stelle auf keinen Fall vergessen, dass auch Männer nicht alle gesellschaftlichen Freiheiten genießen, gerade Dinge, die eher als weiblich konnotiert sind, werden ihnen abgesprochen: Demnach dürfen Männer sich nicht schminken, in der Öffentlichkeit (und am besten überhaupt)  nicht weinen, keine Kleider und engen Hosen tragen und wer gerne tanzt, macht sich auch verdächtig („schwul“ ist nicht ohne Grund eines der beliebtesten „Schimpfwörter“ junger Männer). Zwischen diesen Einschränkungen und den Schikanen, die Frauen alltäglich ertragen, liegen trotzdem Welten. Dass Frauen häufig schlechter bezahlt werden ist längst kein Geheimnis mehr. Das fällt natürlich besonders auf, wenn Männer und Frauen den gleichen Job ausüben, insgesamt kann man aber sagen, dass „typische“ Frauenberufe per se schlechter bezahlt werden – Kranken- und Altenpfleger*innen, Erzieher*innen, Arzthelfer*innen (ich kenne keinen Arzthelfer), Florist*innen, Friseur*innen. Das sind zufälligerweise alles Berufe, in denen man sich um andere Menschen kümmert oder in denen man kreativ werden kann. 

Es gibt aber viele weitere Situationen, in denen sich zeigt, dass Sexismus in der Gesellschaft etabliert ist: Ist zum Beispiel mal jemandem aufgefallen wie oft Männer, auch in Anwesenheit von Frauen, über ihren Penis sprechen? Ich habe erst kürzlich ein Wochenende mit einer Gruppe von Freunden verbracht, alles Pfadfinder (falls das etwas zur Sache tut), und abgesehen von Bier war das definitiv das beliebteste Thema. Wesentlich spannender als andererleuts Schwänze finde ich aber die Reaktion, wenn frau dann anfängt in eben dieser Gesellschaft mit einer Freundin über Menstruation und Tampons zu sprechen. Man dürfte ja meinen, dass das thematisch in die gleiche Richtung geht, aber Gespräche darüber sind gesellschaftlich offenbar weder anerkannt noch erwünscht. Ein Kumpel meinte gar: „Wenn meine Perle am Bluten ist, dann brauche ich die eine Woche nicht sehen. Ist doch vollkommen ekelhaft.“ 

Nun kann man natürlich sagen (und das wird auch gesagt): Was jammern diese Frauen denn noch? Es gibt doch Frauen, die wichtige Ämter besetzen. Schließlich haben wir seit 2005 eine Bundeskanzlerin. Ja, und das ist natürlich ein guter und wichtiger Schritt in die richtige Richtung. Aber von der Tatsache, dass einzelne Frauen Führungspositionen besetzen, darauf zu schließen, dass alle Frauen das schaffen können, ist ziemlich naiv und eine schwerwiegende Fehlannahme. Abgesehen davon werden Frauen, die in der Öffentlichkeit auftreten, grundlegend anders bewertet und betrachtet als Männer. Als beispielsweise Andrea Nahles im Juni 2019 als Parteivorsitzende der SPD zurücktrat, schrieb die Presse von weiblicher Schwäche, dem emotionalen Druck nicht standhalten zu können. Kritik gibt es häufig auch wegen des äußeren Erscheinungsbildes: Egal ob man sich nun über Greta Thunbergs geflochtene Zöpfe oder Carola Racketes BH-Verzicht echauffiert – beides sind sexistische Aussagen, die in der Debatte um die politischen Vorhaben der Frauen nichts zur Sache tun. 

Wenn schon Popsternchen Taylor Swift in „The man“ singt „I’m so sick of running as fast as I can / Wondering if I’d get there quicker if I was a man“, dann sollte auch dem und der letzten klar werden, dass wir ein gesellschaftliches Problem haben. Natürlich gibt es dafür keine Universallösung, aber ich denke, wir kommen der Gleichberechtigung schon ein ganzes Stück näher, wenn wir einander mit Respekt begegnen und aufhören in Kategorien zu denken, egal ob das nun Mann-Frau, schwarz-weiß oder bekannt-fremd ist. Wichtig ist dabei, dass eine Veränderung nicht allein von Frauen ausgehen kann. Damit Gleichberechtigung funktionieren kann, müssen auch Männer dahinterstehen und verstehen, dass die ganze Gesellschaft von starken und gleichberechtigten Frauen profitiert – spätestens wenn man sich wünscht, dass die eigene Tochter Vorstandsvorsitzende werden kann. 

Über den*die Autor*in

Linus Schmedding