Keith und Robin auf einem Zeltplatz vor einer Jurte. Beide tragen ein Halstuch und schauen in die Sonne. Keith schirmt daher seine Augen ab.

Zwischen Union Jack und Jurte – Als britische Pfadfinder in Deutschland

Keith und Robin Tough waren viele Jahre bei den britischen Pfadfindern in Herford. Im Gespräch erzählen sie von ihren Erinnerungen, von internationalen Begegnungen und davon, was sie bis heute aus ihrer Zeit bei den britischen Scouts mitgenommen haben.

Wer in Deutschland an Pfadfinder*innen denkt, denkt meist an VCP, BdP, BMPPD, PSG oder die DPSG. Weniger bekannt ist, dass neben Gruppen von Scouting America (ehemals BSA) über Jahrzehnte auch britische Pfadfinder*innengruppen zum Bild gehörten – mitten in Deutschland. Dort, wo die britischen Streitkräfte stationiert waren, entstanden häufig Gruppen der Scouts. Für die Kinder britischer Soldatinnen und Soldaten boten sie ein Stück Heimat, Gemeinschaft und Abenteuer. 

Keith “Tufty” und Robin “Robbe” Tough gehören zu ihnen. Vater und Sohn waren viele Jahre bei den britischen Pfadfindern in Herford. Heute sind sie Teil eines VCP-Stammes im ostwestfälischen Kirchlengern. Im Gespräch erzählen sie von ihren Erinnerungen, von internationalen Begegnungen und davon, was sie bis heute aus ihrer Zeit bei den britischen Scouts mitgenommen haben. 

Vom Zufall zum Ehrenamt 

Interessanterweise begann Tuftys eigene Pfadfinderlaufbahn nicht als Kind. Eigentlich wollte er selbst immer Pfadfinder werden, doch die Gelegenheit ergab sich nie. Erst als seine beiden Söhne Anfang der 2000er Jahre einen Platz bei den britischen Pfadfindern in Herford fanden, änderte sich das. 

Ein geplantes Wanderwochenende musste kurzfristig abgesagt werden, weil mehrere Leiter keine Zeit hatten. Tufty bot spontan seine Hilfe an. 

„Ich habe gesagt: Wenn ihr Hilfe braucht, sagt Bescheid. So bin ich da eigentlich reingerutscht.“ 

Aus dieser spontanen Unterstützung wurden rund 25 Jahre ehrenamtliches Engagement in der Pfadfinderbewegung. Für Tufty war das Scouting eine prägende Erfahrung: Es eröffnete ihm Möglichkeiten und Freundschaften, die er ohne die Pfadfinder nie kennengelernt hätte. 

Robbe erinnert sich ebenfalls noch gut an seinen ersten Gruppenabend. Obwohl sein Vater Brite ist, wuchs er überwiegend deutschsprachig auf. Als seine Eltern ihm und seinem Bruder vorgeschlagen hatten, künftig die britischen Pfadfinder zu besuchen, war das zunächst eine Herausforderung. 

„Wir haben kaum ein Wort verstanden. Aber wir haben schnell gemerkt: Das macht einfach Spaß.“ 

Mit der Zeit wurde auch Robbe Leiter und blieb bis in seine Zwanziger hinein aktiv. 

Britische Pfadfinder mitten in Deutschland 

Nach dem Zweiten Weltkrieg entstanden an den Standorten der britischen Armee zahlreiche Scout Groups für die Familien der stationierten Soldatinnen und Soldaten. Aus den British Scouts Germany entwickelte sich 1952 die British Scouts West Europe (BSWE), die alle britischen Scout Groups in Westeuropa organisatorisch zusammenfasste. Ab 2012 gehörten diese Gruppen gemeinsam mit weiteren britischen Auslandsgruppen zur Organisation British Scouting Overseas (BSO). 

Die Gruppen bestanden ursprünglich fast ausschließlich aus britischen Familien. Tufty erinnert sich jedoch, dass sich das mit der Zeit änderte. Immer mehr deutsche Kinder kamen hinzu – darunter auch Freunde seiner Söhne und später weitere Familien aus dem Umfeld der Gruppe. Am Ende war die Herforder Gruppe deutlich internationaler, als sie ursprünglich begonnen hatte. 

Mehr Struktur, mehr Outdoor – aber derselbe Geist 

Fragt man Tufty und Robbe nach den Unterschieden zwischen britischem und deutschem Pfadfinden, nennen beide zunächst die stärkere Struktur der Scout Association. 

Die Kluft (engl. uniform) hätte einen deutlich höheren Stellenwert gehabt. Ausbildung, Hierarchien und Verantwortlichkeiten seien klar geregelt gewesen. Im Vergleich dazu habe Tufty die Arbeit in deutschen Pfadfinderverbänden später als etwas entspannter erlebt. 

Gleichzeitig betonen beide, dass die Grundidee überall dieselbe sei: Gemeinschaft erleben, Verantwortung übernehmen und voneinander lernen. 

Robbe sieht die inhaltlichen Schwerpunkte etwas unterschiedlich. Die britischen Scouts hätten einen stärkeren Fokus auf Survival, Outdoor-Fähigkeiten und praktische Fertigkeiten gelegt. Genau diese Erfahrungen versucht er heute in die Arbeit seiner VCP-Gruppe einzubringen. 

„Wir konnten das Beste aus den englischen Pfadfindern und das Beste aus dem deutschen Pfadfinden kombinieren.“ 

Schwarzzelte statt “10-second tent” 

Den größten Kulturschock erlebte Robbe allerdings erst, als er viele Jahre später mit seiner neu gegründeten VCP-Gruppe vor dem ersten Zeltlager stand. 

Bis dahin kannte er vor allem klassische Kuppel- und Gruppenzelte. Plötzlich standen überall Jurten und Kohten. 

„Wir dachten erst: Wie baut man so etwas überhaupt auf? Da braucht man riesige Stangen, Knoten und ganz viele Leute.“ 

Inzwischen schätzt er gerade diese Zeltkultur. Besonders beeindruckt haben ihn die großen Jurtenburgen – oder, wie sie auf dem Lager genannt wurden, die „Oasen“ –, die aus zahlreichen Schwarzzelten zusammengesetzt werden. 

Ein weiterer Unterschied fiel ihm sofort auf: die Musik. Während gemeinsames Singen bei vielen deutschen Lagern selbstverständlich sei, habe dies bei den britischen Scouts eine deutlich kleinere Rolle gespielt. 

Abzeichen, die motivieren 

Ein Thema bringt Robbe besonders ins Schwärmen: die britischen Leistungsabzeichen. 

Ob Survival, Wetterkunde, Mechanik oder Feuer – für nahezu jede Fähigkeit gab es ein Badge. Kinder konnten in einem kleinen Handbuch, ähnlich dem der Entenhauser Geschwister Tick, Trick und Tack, nachlesen, welche Anforderungen erfüllt werden mussten und sich gezielt neue Ziele setzen. 

„Man hat bei jemand anderem ein Badge gesehen und sofort gedacht: Das will ich auch haben – was muss ich tun oder lernen?” 

Für Robbe war dieses spielerische Lernen ein starker Motivationsfaktor. Als er später seine eigene Pfadfindergruppe gründete, versuchte er sogar, die britischen Abzeichen zu beziehen – leider ohne Erfolg. Trotzdem würde er sich wünschen, dass der Gedanke der Gamification auch im deutschen Pfadfinden stärker aufgegriffen wird. 

Internationale Freundschaften 

Zu den prägendsten Erinnerungen gehören für beide internationale Begegnungen. 

Tufty engagierte sich sogar in der Organisation des Intercamps 2014 in Bad Lippspringe. Rückblickend ist er stolz darauf, dass die Veranstaltung trotz aller Herausforderungen gelungen ist. 

Kürzlich erschienen: “Das Intercamp – das „kleine Jamboree“ – jetzt hier klicken.

Auch Aufenthalte im Kandersteg International Scout Centre in der Schweiz haben beide nachhaltig geprägt. Dort begegneten sie Pfadfinderinnen und Pfadfindern aus aller Welt – unter anderem aus Schweden, Italien und Kenia. 

Kürzlich erschienen: „Drei Monate als Pinkie im KISC“ – jetzt hier klicken.

Für Tufty zeigt sich darin die eigentliche Stärke des Pfadfindens: 

„Wenn Menschen andere Länder kennenlernen und sich gegenseitig verstehen würden, gäbe es keine Kriege.“ 

Robbe fasst denselben Gedanken mit einem Satz zusammen, den wohl viele Pfadfinder unterschreiben würden: 

„Egal wo auf der Welt man Pfadfinder trifft – man gehört immer zusammen.“ 

Die Geschichte geht weiter 

Heute gibt es keine britischen Scout Groups der Scout Association mehr in Deutschland. Für Tufty und Robbe lebt vieles davon jedoch weiter. 

Gemeinsam gründeten sie Scouting Kirchlengern – eine neue Pfadfindergruppe, die inzwischen zum VCP gehört. Die Nachfrage war so groß, dass die ersten Plätze bereits nach kurzer Zeit vergeben waren. 

In ihre Gruppenarbeit bringen sie bis heute vieles aus ihrer Zeit bei den britischen Scouts ein: den Fokus auf Outdoor-Fähigkeiten, internationale Begegnungen und den Gedanken, voneinander zu lernen. 

Denn unabhängig von Verband, Kluft oder Zeltform gilt für beide bis heute dieselbe Überzeugung: 

„Es gibt immer die Gemeinschaft – egal woher man kommt, egal welchem Stamm oder welchem Pfadfinderverband man angehört.“ 


Das Gespräch mit Keith und Robin führte Simon aus dem AK Kommunikation und Medien. 

Über den*die Autor*in

Simon Wessel

Pfadi-Leiter und StaVo aus dem Bezirk Warendorf, seit 2025 Mitglied im AK Kommunikation und Medien.